Essay zum Thema „Boas und Nachfolger“
Fragestellung
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die Nachfolger dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?
Der Kulturrelativismus von Franz Boas
Der Kulturrelativismus entsteht im 20 Jahrhundert als eine Reaktion auf die vorherrschenden Theorien des Evolutionismus und Rassismus. Als sein Begründer gilt Franz Boas, der sich durch diese Entwicklung von seinen Vorgängern wie zum Beispiel L.H. Morgan abgrenzen will. Boas stellt mit dem Kulturrelativismus ein Paradigma auf, dass die amerikanische Anthropologie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägt. (1)
Der kulturrelativistische Ansatz ist dadurch gekennzeichnet, dass sein Begründer Boas keine eigenen Theorien aufstellt, sondern dass er eine naturwissenschaftliche Empirie propagiert. Mittels Feldforschung sollen genaue Daten erhoben werden. Besonders wichtig ist dabei natürlich, dass der jeweilige Forscher auch der Lokalsprache mächtig ist, denn nur so ist eine möglichst fehlerfreie Datengewinnung möglich. (3)
Bei der Erforschung einer Kultur ist es vor allem wichtig, die Geschichten und Mythen zu erfahren, die erzählt werden. Da diese oft nur mündlich überliefert werden, spielt die Kenntnis der Lokalsprache eine große Rolle. (5)
Der Kulturrelativismus ist ein ganzheitlicher Ansatz. Bei der Erforschung einer Kultur gelten alle Teilbereiche des kulturellen Lebens als wichtig, und werden deshalb auch beobachtet und dokumentiert. Neben den Aspekten der Sprache, der Kunst, der Umwelt und der Technik, gelten vor allem die Normen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft als zentrales Forschungsfeld. (3)
Der Kulturrelativismus kritisiert in seinen Annahmen stark den in der Forschung oft vorkommenden Ethnozentrismus, der die eigene Kultur, also die Kultur, aus der die Forscher stammen (wobei es sich überwiegend um den europäischen so wie nordamerikanischen Raum handelt) als Spitze der Gesellschaftsentwicklung darstellt. Entgegen dem Evolutionismus geht der Kulturrelativismus davon aus, dass im Grunde alle Kulturen gleich sind.
Bei Boas spielen die Faktoren Biologie und Vererbung keine Rolle für die Kultur. Kultur kann man laut Boas nicht durch Biologie erklären. (1)
Der Kulturrelativismus ist skeptisch gegenüber Forschungsströmungen, die auf dem Vergleich von verschiedenen Kulturen beruhen. Zwar betont der Kulturrelativismus die Gleichwertigkeit aller Kulturen, doch auf Grund von lokalgeschichtlichen Unterschieden könne man Kulturen unmöglich wissenschaftlich korrekt miteinander vergleichen. Kulturelle Phänomene sollen immer nur im eigenen Kontext gesehen werden. (5)
Der Kulturrelativismus geht aber auch davon aus, dass man eine Kultur nur dann richtig verstehen kann, wenn man selbst ein Mitglied dieser Kultur ist. Aus diesem Grund ist es einem Außenstehenden (wie es ja die meisten Forscher sind) nicht möglich eine andere Kultur zu bewerten als die eigene.
Mit Boas findet der 4 – Field – Approach Einzug in die Kultur- und Sozialanthropologie, der bis heute das Ethnologiestudium in den USA bestimmt. (5)
Die vier Felder sind:
1. physische Anthropologie
2. Archäologie
3. Linguistik
4. Sozial- und Kulturanthropologie
Die Nachfolger Boas und ihre Ansätze
Die Nachfolger Boas teilen sich in zwei Gruppen.
Seine Schüler erster Generation, erforschen kulturelle Teilbereiche oder befassen sich mit Fallstudien. Zu ihnen zählen R. Lowie, A. Kroeber und C. Kluckhohn, deren Forschung vor allem bei den verschiedenen Kulturen Nordamerikas stattfindet.
Weit aus bedeutender sind aber seine Nachfolger der zweiten Generation. Als die zwei wichtigsten Nachfolgerinnen gelten hier Ruth Benedict und Margaret Mead.
Benedict tritt für einen kulturellen Relativismus ein und ist eine Vertreterin der Cultural and Personal School. (4)
Benedict beschäftigt sich vor allem mit der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft und stellt dabei die Frage, wie die Kultur das individuelle Handeln beeinflusst. Sie wendet sich gegen die rassistischen Strömungen, die davon ausgehen, dass sich Kultur an Hand biologischer Argumente erklären lässt. Für Benedict ist Kultur nicht biologisch bestimmt. Kultur beschreibt bei ihr ein erlerntes Verhalten. (2)
In all ihren Werken spricht Benedict stets von Kulturen, sie geht also von einer Mehrzahl aus. Kulturelle Vielfalt entsteht aus einer Bandbreite von Möglichkeiten. Aus dieser Bandbreite wählen Kulturen aus und kombinieren verschiedene Aspekte. So entsteht eine eigene Kultur, die sich von anderen abgrenzt. Diese Kombination bezeichnet Benedict als pattern, was so viel wie Gewohnheit und Sitte bedeutet. Anhand verschiedener patterns kann man Kulturen beschreiben und voneinander unterscheiden. (4)
Im Zweiten Weltkrieg arbeitet sie für die amerikanische Regierung und schreibt in deren Auftrag eine Nationalcharakterstudie über Japan („The Chrysantemum and the Sword“). (2)
Benedict ist nicht nur Ethnologin, sie ist auch Dichterin. (4)
Aus diesem Grund ist ihr Hauptwerk „Patterns of Culture“ auch außerhalb von Fachkreisen bekannt. Es gilt als das einflussreichste Buch der Ethnologie des 20. Jahrhunderts und wurde sehr oft verkauft. Diese Tatsache führt dazu, dass Benedict eine der ersten Frauen ist, der es gelang, sich in den USA als Wissenschaftlerin einen Namen zu machen. (2) Für dieses Werk macht sie allerdings keine Feldforschung in Japan, sondern führt nur Interviews mit japanischen Gefangenen in den USA.
In ihrem Werk „Patterns of Culture“ stellt sie die Frage nach der Integration von Kulturen. Diese Frage kommt auf, als sie vier kurze Feldforschungen in Nordamerika durchführt. Besonders beschäftigt sie sich damit, wie es dazu kommt, dass Gruppen, die in ähnlicher Umgebung leben, doch unterschiedliche kulturelle Eigenschaften besitzen. (2)
Benedict kommt zu dem Schluss, dass die Kultur das individuellen Handeln beeinflusst, sie geht jedoch auch in die andere Richtung und behauptet, dass das Handeln des Einzelnen auch die Kultur beeinflusst.
Des weiteren stellt sie eine neue Definition von Normalität auf, in der sie betont, dass es bei Normalität immer darauf ankommt, dass man so ist, wie die meisten anderen in seiner Bezugsgruppe. Was also in einer Gesellschaft normal ist, kann in einer anderen außerhalb der Grenzen der Normalität liegen. Normalität ist also kulturell bestimmt. (2)
Auch Margaret Mead ist eine Nachfolgerin Boas. Als Schülerin Boas reist Margaret Mead nach Samoa um die Annahme des Kulturdeterminismus von Boas zu untersuchen. Der Kulturdeterminismus geht davon aus, dass vornämlich nicht biologisch vererbte Eigenschaften das menschliche Verhalten beeinflussen sondern kulturelle Gegebenheiten. Das Buch über diese Feldforschung („Coming of Age in Samoa“) ist über Fachkreise hinaus bekannt, denn wie Benedict schreibt Mead nicht zu wissenschaftlich und literarisch interessant. Dies hat den Nachteil, dass so das Stereotyp des romantischen Südseelebens entstanden ist. (2)
Des weiteren erarbeitet Mead während des Zweiten Weltkrieges Nationalcharakterstudien von Frankreich und Großbritannien für die amerikanische Regierung.
In Bezug auf Mead ist ihre professionelle Dokumentation der Feldforschung festzuhalten, wie Fotos, Videos und Tonbandaufzeichnungen belegen.
Neben Benedict ist Mead eine wichtige Vertretein der Cultural and Personal School.
Die zweite Generation seiner Schüler geht weiter als ihr Lehrer Boas und versucht innerhalb des Kulturrelativismus spezialisierte methodische Ansätze auszuarbeiten. Als die drei wichtigsten Entwicklungen werden die kulturrelativistische Ethnohistorie, die Culture and Personality School sowie die Ethnoscience genannt. (3)
Die kulturrelativistische Ethnohistorie beschäftigt sich mit dem Wechselverhältnis zwischen lokalen und globalen Verhältnissen. Dies erfolgt durch das Heranziehen von allen in Frage kommenden Quellen und unter Berücksichtigung verschiedener Innen- sowie Außenperspektiven. (3)
Die Culture und Personal School ist vor allen durch die Arbeiten von Ruth Benedict und Margaret Mead geprägt. Diese Richtung beschäftigt sich mit dem Einfluss der Kultur auf die Persönlichkeitsentwicklung. Da die Arbeiten von Benedict und Mead in einem Stil geschrieben sind, der auch über Fachkreise hinaus Anklang findet, ist diese Forschungsrichtung über viele Jahre lang populär und wird immer wieder diskutiert. Diese ausgeprägte Beschäftigung mit der Culture and Personal School sieht man heute als Hindernis jeder Weiterentwicklung in der Kultur- und Sozialanthropologie, denn die Grundannahme der Culture and Personal School ist, dass jede Kultur Schlüsselsymbole besitzt, welche nur von Angehörigen der Kultur, nicht aber von Außenstehenden verstanden werden können. Mit dieser These stellt sich die Kultur- und Sozialanthropologie selbst ein unüberwindbares Hindernis in den Weg. Geht man nämlich davon aus, dass man sowieso nur als Angehöriger einer Kultur diese verstehen kann, so mach es keinen Sinn, wenn Anthropologen andere Kulturen erforschen, sie würden sie ja ohnehin nicht verstehen. Da also keine Kultur die andere begreifen kann, wäre es wohl besser, wenn man jeglichen Kulturkontakt vermeiden würde. Damit hat die Culture and Personal School sich selbst außer Konkurrenz gebracht, denn diese Annahme gilt seit Jahren als überholt. (3)
Der wichtigste Vertreter der Ethnoscience ist Gregory Bateson. Er baut auf die Hypothese von Sapir und Whorf auf, die besagt, dass die Logik der Sprache die Art des Denkens bestimme, und versucht so, verschiedene sprachabhängige Wirklichkeitskonstruktionen zu erheben. (3)
Fazit
Der von Boas propagierte Kulturrelativismus geht davon aus, dass man eine Kultur nur aus sich selbst heraus verstehen kann und dass man Kulturen nicht miteinander vergleichen soll. Geht man jedoch noch weiter und stellt die Annahme auf, dass nur ein Angehöriger einer Kultur diese auch verstehen kann, so entzieht man der Kultur- und Sozialanthropologie ihre Daseinberechtigung.
Literaturverzeichnis
(1) Barnard, A. (2000). History and Theory in Anthropologie. Cambridge: University Press.
(2) Feest, Ch. F. & Kohl, K.-H. (Hg.). (2001). Hauptwerke der Ethnologie. Stuttgart: Alfred Köhler.
(3) Gingrich, A. (1999). Erkundungen. Themen der ethnologischen Forschung. Wien: Böhlau.
(4) Panoff, M. und Perrin, M. (2000). Taschenbuch der Ethnologie. Berlin: Reimer.
(5) Silverman, S. (2005). The Boasian and the Invention of Cultural Anthropology. in: Barth, Gingrich, Parkin und Silverman. One Discipline, four Ways. Chicago: The University of Chicago Press. S.257 - 274.
