Kultur- und Sozialanthropologie

Essays zur Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie

Dienstag, Jänner 10, 2006

Essay zum Thema „Boas und Nachfolger“

Fragestellung

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die Nachfolger dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?


Der Kulturrelativismus von Franz Boas

Der Kulturrelativismus entsteht im 20 Jahrhundert als eine Reaktion auf die vorherrschenden Theorien des Evolutionismus und Rassismus. Als sein Begründer gilt Franz Boas, der sich durch diese Entwicklung von seinen Vorgängern wie zum Beispiel L.H. Morgan abgrenzen will. Boas stellt mit dem Kulturrelativismus ein Paradigma auf, dass die amerikanische Anthropologie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägt. (1)

Der kulturrelativistische Ansatz ist dadurch gekennzeichnet, dass sein Begründer Boas keine eigenen Theorien aufstellt, sondern dass er eine naturwissenschaftliche Empirie propagiert. Mittels Feldforschung sollen genaue Daten erhoben werden. Besonders wichtig ist dabei natürlich, dass der jeweilige Forscher auch der Lokalsprache mächtig ist, denn nur so ist eine möglichst fehlerfreie Datengewinnung möglich. (3)
Bei der Erforschung einer Kultur ist es vor allem wichtig, die Geschichten und Mythen zu erfahren, die erzählt werden. Da diese oft nur mündlich überliefert werden, spielt die Kenntnis der Lokalsprache eine große Rolle. (5)

Der Kulturrelativismus ist ein ganzheitlicher Ansatz. Bei der Erforschung einer Kultur gelten alle Teilbereiche des kulturellen Lebens als wichtig, und werden deshalb auch beobachtet und dokumentiert. Neben den Aspekten der Sprache, der Kunst, der Umwelt und der Technik, gelten vor allem die Normen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft als zentrales Forschungsfeld. (3)

Der Kulturrelativismus kritisiert in seinen Annahmen stark den in der Forschung oft vorkommenden Ethnozentrismus, der die eigene Kultur, also die Kultur, aus der die Forscher stammen (wobei es sich überwiegend um den europäischen so wie nordamerikanischen Raum handelt) als Spitze der Gesellschaftsentwicklung darstellt. Entgegen dem Evolutionismus geht der Kulturrelativismus davon aus, dass im Grunde alle Kulturen gleich sind.
Bei Boas spielen die Faktoren Biologie und Vererbung keine Rolle für die Kultur. Kultur kann man laut Boas nicht durch Biologie erklären. (1)

Der Kulturrelativismus ist skeptisch gegenüber Forschungsströmungen, die auf dem Vergleich von verschiedenen Kulturen beruhen. Zwar betont der Kulturrelativismus die Gleichwertigkeit aller Kulturen, doch auf Grund von lokalgeschichtlichen Unterschieden könne man Kulturen unmöglich wissenschaftlich korrekt miteinander vergleichen. Kulturelle Phänomene sollen immer nur im eigenen Kontext gesehen werden. (5)

Der Kulturrelativismus geht aber auch davon aus, dass man eine Kultur nur dann richtig verstehen kann, wenn man selbst ein Mitglied dieser Kultur ist. Aus diesem Grund ist es einem Außenstehenden (wie es ja die meisten Forscher sind) nicht möglich eine andere Kultur zu bewerten als die eigene.

Mit Boas findet der 4 – Field – Approach Einzug in die Kultur- und Sozialanthropologie, der bis heute das Ethnologiestudium in den USA bestimmt. (5)
Die vier Felder sind:
1. physische Anthropologie
2. Archäologie
3. Linguistik
4. Sozial- und Kulturanthropologie


Die Nachfolger Boas und ihre Ansätze

Die Nachfolger Boas teilen sich in zwei Gruppen.
Seine Schüler erster Generation, erforschen kulturelle Teilbereiche oder befassen sich mit Fallstudien. Zu ihnen zählen R. Lowie, A. Kroeber und C. Kluckhohn, deren Forschung vor allem bei den verschiedenen Kulturen Nordamerikas stattfindet.

Weit aus bedeutender sind aber seine Nachfolger der zweiten Generation. Als die zwei wichtigsten Nachfolgerinnen gelten hier Ruth Benedict und Margaret Mead.

Benedict tritt für einen kulturellen Relativismus ein und ist eine Vertreterin der Cultural and Personal School. (4)
Benedict beschäftigt sich vor allem mit der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft und stellt dabei die Frage, wie die Kultur das individuelle Handeln beeinflusst. Sie wendet sich gegen die rassistischen Strömungen, die davon ausgehen, dass sich Kultur an Hand biologischer Argumente erklären lässt. Für Benedict ist Kultur nicht biologisch bestimmt. Kultur beschreibt bei ihr ein erlerntes Verhalten. (2)
In all ihren Werken spricht Benedict stets von Kulturen, sie geht also von einer Mehrzahl aus. Kulturelle Vielfalt entsteht aus einer Bandbreite von Möglichkeiten. Aus dieser Bandbreite wählen Kulturen aus und kombinieren verschiedene Aspekte. So entsteht eine eigene Kultur, die sich von anderen abgrenzt. Diese Kombination bezeichnet Benedict als pattern, was so viel wie Gewohnheit und Sitte bedeutet. Anhand verschiedener patterns kann man Kulturen beschreiben und voneinander unterscheiden. (4)
Im Zweiten Weltkrieg arbeitet sie für die amerikanische Regierung und schreibt in deren Auftrag eine Nationalcharakterstudie über Japan („The Chrysantemum and the Sword“). (2)
Benedict ist nicht nur Ethnologin, sie ist auch Dichterin. (4)
Aus diesem Grund ist ihr Hauptwerk „Patterns of Culture“ auch außerhalb von Fachkreisen bekannt. Es gilt als das einflussreichste Buch der Ethnologie des 20. Jahrhunderts und wurde sehr oft verkauft. Diese Tatsache führt dazu, dass Benedict eine der ersten Frauen ist, der es gelang, sich in den USA als Wissenschaftlerin einen Namen zu machen. (2) Für dieses Werk macht sie allerdings keine Feldforschung in Japan, sondern führt nur Interviews mit japanischen Gefangenen in den USA.
In ihrem Werk „Patterns of Culture“ stellt sie die Frage nach der Integration von Kulturen. Diese Frage kommt auf, als sie vier kurze Feldforschungen in Nordamerika durchführt. Besonders beschäftigt sie sich damit, wie es dazu kommt, dass Gruppen, die in ähnlicher Umgebung leben, doch unterschiedliche kulturelle Eigenschaften besitzen. (2)
Benedict kommt zu dem Schluss, dass die Kultur das individuellen Handeln beeinflusst, sie geht jedoch auch in die andere Richtung und behauptet, dass das Handeln des Einzelnen auch die Kultur beeinflusst.
Des weiteren stellt sie eine neue Definition von Normalität auf, in der sie betont, dass es bei Normalität immer darauf ankommt, dass man so ist, wie die meisten anderen in seiner Bezugsgruppe. Was also in einer Gesellschaft normal ist, kann in einer anderen außerhalb der Grenzen der Normalität liegen. Normalität ist also kulturell bestimmt. (2)

Auch Margaret Mead ist eine Nachfolgerin Boas. Als Schülerin Boas reist Margaret Mead nach Samoa um die Annahme des Kulturdeterminismus von Boas zu untersuchen. Der Kulturdeterminismus geht davon aus, dass vornämlich nicht biologisch vererbte Eigenschaften das menschliche Verhalten beeinflussen sondern kulturelle Gegebenheiten. Das Buch über diese Feldforschung („Coming of Age in Samoa“) ist über Fachkreise hinaus bekannt, denn wie Benedict schreibt Mead nicht zu wissenschaftlich und literarisch interessant. Dies hat den Nachteil, dass so das Stereotyp des romantischen Südseelebens entstanden ist. (2)
Des weiteren erarbeitet Mead während des Zweiten Weltkrieges Nationalcharakterstudien von Frankreich und Großbritannien für die amerikanische Regierung.
In Bezug auf Mead ist ihre professionelle Dokumentation der Feldforschung festzuhalten, wie Fotos, Videos und Tonbandaufzeichnungen belegen.
Neben Benedict ist Mead eine wichtige Vertretein der Cultural and Personal School.

Die zweite Generation seiner Schüler geht weiter als ihr Lehrer Boas und versucht innerhalb des Kulturrelativismus spezialisierte methodische Ansätze auszuarbeiten. Als die drei wichtigsten Entwicklungen werden die kulturrelativistische Ethnohistorie, die Culture and Personality School sowie die Ethnoscience genannt. (3)

Die kulturrelativistische Ethnohistorie beschäftigt sich mit dem Wechselverhältnis zwischen lokalen und globalen Verhältnissen. Dies erfolgt durch das Heranziehen von allen in Frage kommenden Quellen und unter Berücksichtigung verschiedener Innen- sowie Außenperspektiven. (3)

Die Culture und Personal School ist vor allen durch die Arbeiten von Ruth Benedict und Margaret Mead geprägt. Diese Richtung beschäftigt sich mit dem Einfluss der Kultur auf die Persönlichkeitsentwicklung. Da die Arbeiten von Benedict und Mead in einem Stil geschrieben sind, der auch über Fachkreise hinaus Anklang findet, ist diese Forschungsrichtung über viele Jahre lang populär und wird immer wieder diskutiert. Diese ausgeprägte Beschäftigung mit der Culture and Personal School sieht man heute als Hindernis jeder Weiterentwicklung in der Kultur- und Sozialanthropologie, denn die Grundannahme der Culture and Personal School ist, dass jede Kultur Schlüsselsymbole besitzt, welche nur von Angehörigen der Kultur, nicht aber von Außenstehenden verstanden werden können. Mit dieser These stellt sich die Kultur- und Sozialanthropologie selbst ein unüberwindbares Hindernis in den Weg. Geht man nämlich davon aus, dass man sowieso nur als Angehöriger einer Kultur diese verstehen kann, so mach es keinen Sinn, wenn Anthropologen andere Kulturen erforschen, sie würden sie ja ohnehin nicht verstehen. Da also keine Kultur die andere begreifen kann, wäre es wohl besser, wenn man jeglichen Kulturkontakt vermeiden würde. Damit hat die Culture and Personal School sich selbst außer Konkurrenz gebracht, denn diese Annahme gilt seit Jahren als überholt. (3)

Der wichtigste Vertreter der Ethnoscience ist Gregory Bateson. Er baut auf die Hypothese von Sapir und Whorf auf, die besagt, dass die Logik der Sprache die Art des Denkens bestimme, und versucht so, verschiedene sprachabhängige Wirklichkeitskonstruktionen zu erheben. (3)


Fazit

Der von Boas propagierte Kulturrelativismus geht davon aus, dass man eine Kultur nur aus sich selbst heraus verstehen kann und dass man Kulturen nicht miteinander vergleichen soll. Geht man jedoch noch weiter und stellt die Annahme auf, dass nur ein Angehöriger einer Kultur diese auch verstehen kann, so entzieht man der Kultur- und Sozialanthropologie ihre Daseinberechtigung.


Literaturverzeichnis

(1) Barnard, A. (2000). History and Theory in Anthropologie. Cambridge: University Press.

(2) Feest, Ch. F. & Kohl, K.-H. (Hg.). (2001). Hauptwerke der Ethnologie. Stuttgart: Alfred Köhler.

(3) Gingrich, A. (1999). Erkundungen. Themen der ethnologischen Forschung. Wien: Böhlau.

(4) Panoff, M. und Perrin, M. (2000). Taschenbuch der Ethnologie. Berlin: Reimer.

(5) Silverman, S. (2005). The Boasian and the Invention of Cultural Anthropology. in: Barth, Gingrich, Parkin und Silverman. One Discipline, four Ways. Chicago: The University of Chicago Press. S.257 - 274.

Essay zum Thema „Boas und Nachfolger“

Fragestellung

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die Nachfolger dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?


Der Kulturrelativismus von Franz Boas

Der Kulturrelativismus entsteht im 20 Jahrhundert als eine Reaktion auf die vorherrschenden Theorien des Evolutionismus und Rassismus. Als sein Begründer gilt Franz Boas, der sich durch diese Entwicklung von seinen Vorgängern wie zum Beispiel L.H. Morgan abgrenzen will. Boas stellt mit dem Kulturrelativismus ein Paradigma auf, dass die amerikanische Anthropologie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägt. (1)

Der kulturrelativistische Ansatz ist dadurch gekennzeichnet, dass sein Begründer Boas keine eigenen Theorien aufstellt, sondern dass er eine naturwissenschaftliche Empirie propagiert. Mittels Feldforschung sollen genaue Daten erhoben werden. Besonders wichtig ist dabei natürlich, dass der jeweilige Forscher auch der Lokalsprache mächtig ist, denn nur so ist eine möglichst fehlerfreie Datengewinnung möglich. (3)
Bei der Erforschung einer Kultur ist es vor allem wichtig, die Geschichten und Mythen zu erfahren, die erzählt werden. Da diese oft nur mündlich überliefert werden, spielt die Kenntnis der Lokalsprache eine große Rolle. (5)

Der Kulturrelativismus ist ein ganzheitlicher Ansatz. Bei der Erforschung einer Kultur gelten alle Teilbereiche des kulturellen Lebens als wichtig, und werden deshalb auch beobachtet und dokumentiert. Neben den Aspekten der Sprache, der Kunst, der Umwelt und der Technik, gelten vor allem die Normen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft als zentrales Forschungsfeld. (3)

Der Kulturrelativismus kritisiert in seinen Annahmen stark den in der Forschung oft vorkommenden Ethnozentrismus, der die eigene Kultur, also die Kultur, aus der die Forscher stammen (wobei es sich überwiegend um den europäischen so wie nordamerikanischen Raum handelt) als Spitze der Gesellschaftsentwicklung darstellt. Entgegen dem Evolutionismus geht der Kulturrelativismus davon aus, dass im Grunde alle Kulturen gleich sind.
Bei Boas spielen die Faktoren Biologie und Vererbung keine Rolle für die Kultur. Kultur kann man laut Boas nicht durch Biologie erklären. (1)

Der Kulturrelativismus ist skeptisch gegenüber Forschungsströmungen, die auf dem Vergleich von verschiedenen Kulturen beruhen. Zwar betont der Kulturrelativismus die Gleichwertigkeit aller Kulturen, doch auf Grund von lokalgeschichtlichen Unterschieden könne man Kulturen unmöglich wissenschaftlich korrekt miteinander vergleichen. Kulturelle Phänomene sollen immer nur im eigenen Kontext gesehen werden. (5)

Der Kulturrelativismus geht aber auch davon aus, dass man eine Kultur nur dann richtig verstehen kann, wenn man selbst ein Mitglied dieser Kultur ist. Aus diesem Grund ist es einem Außenstehenden (wie es ja die meisten Forscher sind) nicht möglich eine andere Kultur zu bewerten als die eigene.

Mit Boas findet der 4 – Field – Approach Einzug in die Kultur- und Sozialanthropologie, der bis heute das Ethnologiestudium in den USA bestimmt. (5)
Die vier Felder sind:
1. physische Anthropologie
2. Archäologie
3. Linguistik
4. Sozial- und Kulturanthropologie


Die Nachfolger Boas und ihre Ansätze

Die Nachfolger Boas teilen sich in zwei Gruppen.
Seine Schüler erster Generation, erforschen kulturelle Teilbereiche oder befassen sich mit Fallstudien. Zu ihnen zählen R. Lowie, A. Kroeber und C. Kluckhohn, deren Forschung vor allem bei den verschiedenen Kulturen Nordamerikas stattfindet.

Weit aus bedeutender sind aber seine Nachfolger der zweiten Generation. Als die zwei wichtigsten Nachfolgerinnen gelten hier Ruth Benedict und Margaret Mead.

Benedict tritt für einen kulturellen Relativismus ein und ist eine Vertreterin der Cultural and Personal School. (4)
Benedict beschäftigt sich vor allem mit der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft und stellt dabei die Frage, wie die Kultur das individuelle Handeln beeinflusst. Sie wendet sich gegen die rassistischen Strömungen, die davon ausgehen, dass sich Kultur an Hand biologischer Argumente erklären lässt. Für Benedict ist Kultur nicht biologisch bestimmt. Kultur beschreibt bei ihr ein erlerntes Verhalten. (2)
In all ihren Werken spricht Benedict stets von Kulturen, sie geht also von einer Mehrzahl aus. Kulturelle Vielfalt entsteht aus einer Bandbreite von Möglichkeiten. Aus dieser Bandbreite wählen Kulturen aus und kombinieren verschiedene Aspekte. So entsteht eine eigene Kultur, die sich von anderen abgrenzt. Diese Kombination bezeichnet Benedict als pattern, was so viel wie Gewohnheit und Sitte bedeutet. Anhand verschiedener patterns kann man Kulturen beschreiben und voneinander unterscheiden. (4)
Im Zweiten Weltkrieg arbeitet sie für die amerikanische Regierung und schreibt in deren Auftrag eine Nationalcharakterstudie über Japan („The Chrysantemum and the Sword“). (2)
Benedict ist nicht nur Ethnologin, sie ist auch Dichterin. (4)
Aus diesem Grund ist ihr Hauptwerk „Patterns of Culture“ auch außerhalb von Fachkreisen bekannt. Es gilt als das einflussreichste Buch der Ethnologie des 20. Jahrhunderts und wurde sehr oft verkauft. Diese Tatsache führt dazu, dass Benedict eine der ersten Frauen ist, der es gelang, sich in den USA als Wissenschaftlerin einen Namen zu machen. (2) Für dieses Werk macht sie allerdings keine Feldforschung in Japan, sondern führt nur Interviews mit japanischen Gefangenen in den USA.
In ihrem Werk „Patterns of Culture“ stellt sie die Frage nach der Integration von Kulturen. Diese Frage kommt auf, als sie vier kurze Feldforschungen in Nordamerika durchführt. Besonders beschäftigt sie sich damit, wie es dazu kommt, dass Gruppen, die in ähnlicher Umgebung leben, doch unterschiedliche kulturelle Eigenschaften besitzen. (2)
Benedict kommt zu dem Schluss, dass die Kultur das individuellen Handeln beeinflusst, sie geht jedoch auch in die andere Richtung und behauptet, dass das Handeln des Einzelnen auch die Kultur beeinflusst.
Des weiteren stellt sie eine neue Definition von Normalität auf, in der sie betont, dass es bei Normalität immer darauf ankommt, dass man so ist, wie die meisten anderen in seiner Bezugsgruppe. Was also in einer Gesellschaft normal ist, kann in einer anderen außerhalb der Grenzen der Normalität liegen. Normalität ist also kulturell bestimmt. (2)

Auch Margaret Mead ist eine Nachfolgerin Boas. Als Schülerin Boas reist Margaret Mead nach Samoa um die Annahme des Kulturdeterminismus von Boas zu untersuchen. Der Kulturdeterminismus geht davon aus, dass vornämlich nicht biologisch vererbte Eigenschaften das menschliche Verhalten beeinflussen sondern kulturelle Gegebenheiten. Das Buch über diese Feldforschung („Coming of Age in Samoa“) ist über Fachkreise hinaus bekannt, denn wie Benedict schreibt Mead nicht zu wissenschaftlich und literarisch interessant. Dies hat den Nachteil, dass so das Stereotyp des romantischen Südseelebens entstanden ist. (2)
Des weiteren erarbeitet Mead während des Zweiten Weltkrieges Nationalcharakterstudien von Frankreich und Großbritannien für die amerikanische Regierung.
In Bezug auf Mead ist ihre professionelle Dokumentation der Feldforschung festzuhalten, wie Fotos, Videos und Tonbandaufzeichnungen belegen.
Neben Benedict ist Mead eine wichtige Vertretein der Cultural and Personal School.

Die zweite Generation seiner Schüler geht weiter als ihr Lehrer Boas und versucht innerhalb des Kulturrelativismus spezialisierte methodische Ansätze auszuarbeiten. Als die drei wichtigsten Entwicklungen werden die kulturrelativistische Ethnohistorie, die Culture and Personality School sowie die Ethnoscience genannt. (3)

Die kulturrelativistische Ethnohistorie beschäftigt sich mit dem Wechselverhältnis zwischen lokalen und globalen Verhältnissen. Dies erfolgt durch das Heranziehen von allen in Frage kommenden Quellen und unter Berücksichtigung verschiedener Innen- sowie Außenperspektiven. (3)

Die Culture und Personal School ist vor allen durch die Arbeiten von Ruth Benedict und Margaret Mead geprägt. Diese Richtung beschäftigt sich mit dem Einfluss der Kultur auf die Persönlichkeitsentwicklung. Da die Arbeiten von Benedict und Mead in einem Stil geschrieben sind, der auch über Fachkreise hinaus Anklang findet, ist diese Forschungsrichtung über viele Jahre lang populär und wird immer wieder diskutiert. Diese ausgeprägte Beschäftigung mit der Culture and Personal School sieht man heute als Hindernis jeder Weiterentwicklung in der Kultur- und Sozialanthropologie, denn die Grundannahme der Culture and Personal School ist, dass jede Kultur Schlüsselsymbole besitzt, welche nur von Angehörigen der Kultur, nicht aber von Außenstehenden verstanden werden können. Mit dieser These stellt sich die Kultur- und Sozialanthropologie selbst ein unüberwindbares Hindernis in den Weg. Geht man nämlich davon aus, dass man sowieso nur als Angehöriger einer Kultur diese verstehen kann, so mach es keinen Sinn, wenn Anthropologen andere Kulturen erforschen, sie würden sie ja ohnehin nicht verstehen. Da also keine Kultur die andere begreifen kann, wäre es wohl besser, wenn man jeglichen Kulturkontakt vermeiden würde. Damit hat die Culture and Personal School sich selbst außer Konkurrenz gebracht, denn diese Annahme gilt seit Jahren als überholt. (3)

Der wichtigste Vertreter der Ethnoscience ist Gregory Bateson. Er baut auf die Hypothese von Sapir und Whorf auf, die besagt, dass die Logik der Sprache die Art des Denkens bestimme, und versucht so, verschiedene sprachabhängige Wirklichkeitskonstruktionen zu erheben. (3)


Fazit

Der von Boas propagierte Kulturrelativismus geht davon aus, dass man eine Kultur nur aus sich selbst heraus verstehen kann und dass man Kulturen nicht miteinander vergleichen soll. Geht man jedoch noch weiter und stellt die Annahme auf, dass nur ein Angehöriger einer Kultur diese auch verstehen kann, so entzieht man der Kultur- und Sozialanthropologie ihre Daseinberechtigung.


Literaturverzeichnis

(1) Barnard, A. (2000). History and Theory in Anthropologie. Cambridge: University Press.

(2) Feest, Ch. F. & Kohl, K.-H. (Hg.). (2001). Hauptwerke der Ethnologie. Stuttgart: Alfred Köhler.

(3) Gingrich, A. (1999). Erkundungen. Themen der ethnologischen Forschung. Wien: Böhlau.

(4) Panoff, M. und Perrin, M. (2000). Taschenbuch der Ethnologie. Berlin: Reimer.

(5) Silverman, S. (2005). The Boasian and the Invention of Cultural Anthropology. in: Barth, Gingrich, Parkin und Silverman. One Discipline, four Ways. Chicago: The University of Chicago Press. S.257 - 274.

Montag, November 21, 2005

Essay zum Thema „Evolutionismus“

Fragestellung
Von welchen Prämissen geht der Evolutionismus aus und wie können die Grundannahmen und Forschungsergebnisse des Evolutionismus in der heutigen Sozial- und Kulturanthropologie integriert und bewertet werden? Diskutiere die theoretische Basis dieser anthropologischen Strömung im Zusammenhang mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen bzw. mit politischen und wirtschaftlichen Kategorien der Gegenwart.

Einleitung
Die folgende Arbeit unterteilt sich in mehrere Abschnitte. Als erstes wird dargestellt, wie es zur Entwicklung des sozialkulturellen Evolutionismus in der Kultur- und Sozialanthropologie des 19. Jahrhunderts kommen konnte. Anschließend wird die Theorie des Evolutionismus und ihre Grundannahmen behandelt. Auch die Kritikpunkte am Evolutionismus werden beleuchtet. Im Anschluss daran werden die Errungenschaften des Evolutionismus, die auch heute noch von Bedeutung sind, dargestellt. Zum Abschluss soll noch ein Aspekt des Diskurses zwischen Evolutionismus und heutigen Ansichten angesprochen werden.

Wie kam es zur Entwicklung der Evolutionismus?
Um annähernd die Prämissen des Evolutionismus in der Kultur- und Sozialanthropologie verstehen zu können, muss man einen kurzen Blick auf die sozialen Bedingungen, die im 19. Jahrhundert im britischen Empire geherrscht haben, werfen. Im Kontext der Kolonialisierung und der Handelsbeziehungen mit verschiedensten Ländern kommen Menschen britischer Herkunft und Sozialisation vermehrt in Kontakt mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen. Diese – oftmals selbst Kaufleute, Missionare, Reisende oder Beamte – schreiben Berichte und Geschichten über diese Ereignisse, welche die neu aufkommende „Spezies“ der Anthropologen, die zu Hause in ihren Arbeitszimmer sitzt, liest, zerteilt und neu ordnet. Tylor verwendet zum Beispiel Daten aus aller Welt, die die Institutionen und Bräuche 350 verschiedene Völker beschreiben. Er geht analytisch vor, zerteilt, vergleicht und ordnet neu. (vgl. 1)


Worum geht es im Evolutionismus?
Die Theorie des Evolutionismus bezieht sich darauf, dass die Menschheit und alle mit ihr verbundenen Kontexte sich ständig entwickeln. Ihr Kulturbegriff ist sehr weit gefasst und beinhaltet so gut wie alle Teile des Lebens wie Religion, Lebensweise, Rechtsvorstellung, Kunst und Wirtschaft (1).
Die grundlegenden Annahmen des Evolutionismus kann man in drei Punkten zusammenfassen:
Als erstes geht der Evolutionismus von der Monogenese aus. Das heißt, dass die gesamte Menschheit einen einzigen Ursprung hat. Diese Vorstellung kommt auch im Christentum vor, da werden Adam und Eva als Ausgangspunkt aller Menschen betrachtet.
Das zweite Axiom bezieht sich auf die unterschiedlichen Entwicklungsstufen, die jede Kultur durchlaufen muss. Jede Stufe ist gekennzeichnet durch gewisse Bedürfnisse und gesellschaftliche Verhältnisse. Es wird davon ausgegangen, dass alle Menschen, die sich auf einer bestimmten Entwicklungsstufe befinden, auch die selben Bedürfnisse haben und die selben Tätigkeiten durchführen um diese zu befriedigen.
Als drittes wird noch betont, dass alle Gesellschaften auf ihrem Weg gleichartige Entwicklungen durchmachen müssen (vgl. 3).
Der Evolutionismus geht davon aus, dass in allen Kulturen ein großer, einheitlicher und fortschreitender Entwicklungsvorgang stattfindet. Die Entwicklung findet immer vom Einfachen zum Komplexen statt. Aus diesem Grund wird auch vom unilinearen Evolutionismus gesprochen, da Entwicklung nur in einer Richtung verlaufen kann (2). Alle Kulturen müssen bei ihrer Entwicklung die selben Stufen durchlaufen. Die Stufen werden von verschiedenen Autoren unterschiedlich definiert und benannt. Morgan spricht zum Beispiel von den drei Stufen Wildheit, Barbarei und Zivilisation (1).
Die eigene (in diesen Fall europäische) Gesellschaft wird als Spitze der Menschheitsentwicklung angesehen. Gesellschaften, die sich unterhalb dieser Stufe befinden, müssen sich erst bis zur Spitzte, also bis zu unserer Kultur hocharbeiten, indem sie sich von Stufe zu Stufe entwickeln.
Evolutionisten betonen bei ihren Analysen sehr stark den historischen Rahmen, Sie versuchen, das heute Beobachtbare mit Hilfe vergangener Perioden zu erklären. Sie erklären Phänomene ohne auf reale soziale und geografische Gegebenheiten einzugehen (1).
Tylor prägt den für die Rechtfertigung des Evolutionismus wichtigen Begriff „Survival“. Unter einem Survival versteht man ein Element der Kultur, welches von einer frühren Entwicklungsstufe dieser Kultur übrig geblieben ist und heute nicht mehr die Funktion erfüllt, die ihm in früherer Zeit zukam. Ein Survival ist somit ein „Überbleibsel“ aus einer früheren Entwicklungsstufe (2).

Kritik am Evolutionismus
Dass die von den Evolutionisten erstellten Konzepte von hierarchischen Stufen nicht mit realen Daten und Beobachtungen untermauert werden konnten, stellt den größten Kritikpunkt dar (2). Dazu kam es, weil einzelne Phänomene aus ihrem Kontext gerissen, und ohne diesen Kontext miteinander verglichen wurden (3).
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die angenommene Linearität der Entwicklung. Die tatsächlich Entwicklung einer Gesellschaft verläuft keinesfalls ausnahmslos immer linear.
Auch eine weitere Gegebenheit macht den Evolutionismus für Kritik anfällig. Die Evolutionisten beziehen sich bei der Erstellung ihrer Modelle und Theorien auf Daten von Reisenden, Händlern, Beamten und Missionaren, die sich in den unterschiedlichsten Kolonien des britischen Empire aufhalten. Die Aufzeichnungen dieser Leute entsprechen nicht wissenschaftlichen Kriterien und sind oft nur „Geschichten“. Trotzdem verlassen sich die „Armchair-Anthropologen“ auf diese Daten und nehmen die berichteten Ereignisse als gegeben an. Da die Anthropologen weitestgehend auf eigene Feldforschung verzichten, und sich auf Daten aus zweiter Hand verlassen, kommt es zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen (vgl.1).

Die Nutzen des Evolutionismus
Wenn man sich aus heutiger Sicht mit den Grundannahmen des Evolutionismus in der Kultur- und Sozialanthropologie beschäftigt, so bietet sich natürlich ein breites Feld an möglicher Kritik.
Barth (1) hebt aber auch hervor, welche Ergebnisse dieser Forschungsrichtung auch heute noch von Nutzen für die Kultur- und Sozialanthropologie sind. Die Evolutionisten des 19. Jahrhunderts waren überhaupt die ersten Forscher, die sich mit der Dokumentation von Institutionen und Bräuchen verschiedener Völker beschäftigt haben. Sie sind dabei sehr genau vorgegangen und haben vieles, was auch heute noch von Bedeutung ist festgehalten.
Auch einen zweiten grundlegenden Bestandteil der Kultur- und Sozialanthropologie verdanken wir den Anthropologen des 19. Jahrhunderts. Sie führten neue Terminologien für die Bezeichnung neu auftauchender Phänomene wie Exogamie, Totemismus und Tabu ein. Die Begriffe finden auch heute noch in der modernen Kultur- und Sozialanthropologie Verwendung.

Evolutionismus heute
Im 21. Jahrhundert wird der Evolutionismus von verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und Kulturen in unterschiedlicher Weise betrachtet.
Es wird zwar zwischen einem biologischen und einem sozialkulturellen Evolutionismus unterschieden, trotzdem stimmen sie in der Annahme der Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen überein. In der Biologie setzt sich die Lehre vom Stufenmodell fort. Im Gegensatz zur Kultur- und Sozialanthropologie, wo die Erklärungen des Evolutionismus schon bald nicht mehr ausreichten, um menschliches Verhalten erklären zu können, wird in der Biologie auch heute noch vieles damit erklärt.
In Teilen der USA findet ganz aktuell eine Abwendung vom Evolutionismus statt. Der Evolutionismus wird dahingehend kritisiert, dass er sich nicht mit den christlichen Werten vereinbaren lässt. Und da diese religiösen Werte eine große Rolle in der amerikanischen Gesellschaft spielen, sehen sie in den Grundannahmen des Evolutionismus eine Gefährdung ihrer Gesellschaft. Sie setzen sich dafür ein, dass die Darwinsche Lehre nicht mehr im Schulunterricht vermittelt werden darf. Der Evolutionismus soll todgeschwiegen werden, anstatt dass die Theorie einschließlich möglicher Kritikpunkte behandelt wird. Ob die Evolutionisten diese Abwendung jedoch als Weiterentwicklung der Gesellschaft auf eine höhere Stufe definiert hätten, bleibt zu bezweifeln.

Fazit
Auch wenn der Evolutionismus und seine Annahmen heute in der Kultur- und Sozialanthropologie nur mehr von historischer Bedeutung sind, so soll man doch seine Ansätze, seine Errungenschaften und auch seine Kritikpunkte kennen, um seinen Standpunkt rechtfertigen zu können. Der Evolutionismus behandelt einen Aspekt – die Geschichte – der bei der Beschäftigung mit Kulturen von Bedeutung ist. Inzwischen beschränkt sich die Kultur- und Sozialanthropologie nicht mehr ausschließlich auf den historischen Kontext, doch als Ergänzung zu anderen Betrachtungsweisen darf dieser Aspekt nicht außer Acht gelassen werden. Anstatt den Evolutionismus totzuschweigen, soll er aus allen Facetten mit Nutzen und Kritik betrachtet werden.

Literaturverzeichnis:

(1) Barth, F. (2005) The Rise of Anthropology in Britain, 1839-1890. in: Barth, Gingrich, Parkin und Silverman. One Discipline, four Ways. Chicago: The University of Chicago Press. S.3 - 10.
(2) Panoff, M. und Perrin, M. (2000) Taschenbuch der Ethnologie. Berlin: Reimer.
(3) Mückler, H. (2003) Einführung in die Geschichte und Gegenwart der deutschsprachigen Ethnologie. Vorlesungsmitschrift aus dem Sommersemester 2003. Universität Wien.